Caroll Vanwelden / NGZ

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Foto: B. Steingießer

Shakespeares Sonette in Jazz gebettet

Gleich zwei ausverkaufte Votstellungen gab die Jazz-Sängerin, -komponistin und -pianistin Caroll Vanwelden beim Shakespeare-Festival.

Neuss. Nach dem großen Erfolg im letzten Jahr kehrte die belgische Musikerin Caroll Vanwelden mit einem brandneuen Programm zum Shakespeare Festival nach Neuss zurück. Eine bejubelte Uraufführung vor vollem Haus.

Von Barbara Steingießer

„Wenn die Musik der Liebe Nahrung ist, spielt weiter!“ Diesen Anfangssatz von Shakespeares Komödie „Was ihr wollt“, zitierte die Dramaturgin Vanessa Schormann in ihrer Einführung zum Konzertabend „Shakespeare in Jazz“ beim Festival im Globe. Denn es schien so, als habe die Sängerin, Pianistin und Komponistin Caroll Vanwelden die Zugabe-Rufe nach ihrem Neusser Debüt im letzten Jahr als Aufforderung verstanden, ein zweites Album mit selbstkomponierten Jazzvertonungen Shakespeare’scher Sonette aufzunehmen.

Nun war die Belgierin, die seit 2011 mit ihrer Familie in Heidelberg lebt, nach Neuss zurückgekehrt, um ihr neues Programm „Caroll Vanwelden Sings Shakespeare Sonnets 2“ im Globe uraufzuführen, und zwar volle drei Monate vor der offiziellen Veröffentlichung der CD.

Wieder sind es 16 Sonette, die sich Vanwelden, die an der „Guildhall School of Music & Drama“ in London studierte, ausgesucht und die sie – der natürlichen Sprachmelodie folgend – behutsam in Musik gebettet hat.

Doch es ist nicht einfach eine Erweiterung des Repertoires, sondern auch eine Akzentverschiebung. Während sich die Sonette der ersten CD bis auf eines an einen jungen Mann, den „fair boy“ richteten, hat Vanwelden sich nun auch denjenigen Liebesgedichten zugewandt, deren Adressatin die „dark lady“ ist, die irdische und keineswegs perfekte Geliebte des lyrischen Ichs.

In den ersten Gruppe von Sonetten ging es um die Schönheit und deren Vergänglichkeit und darum, dass man eine Ehe eingehen und Kinder in die Welt setzen sollte, um der Schönheit durch die Nachkommen Unsterblichkeit zu verleihen. Dieser Gedanke gefiel Vanwelden, weshalb sie diese erste Shakespeare-CD ihren Kindern widmete. Jetzt aber reizten sie auch die dunkel-erotischen, düsteren und obsessiven Facetten der Gedichte, die sie mit ihrem Quintett in verblüffender stilistischer Wandlungsfähigkeit herausarbeitet.

Das Sonett 150 etwa, in dem der Sprecher sich darüber wundert, dass er sogar diejenigen Eigenschaften seiner Lady liebt, die andere verabscheuen, singt sie als schwülen Bolero mit ungewohnt tiefer, lasziver Stimme, um die sich – begleitet vom Latin-Rhythmus des Drummers Rodrigo Villalon – die samtweichen Klänge von Thomas Sifflings Flügelhorn winden.

Während die Komponistin in den architektonisch klug konstruierten Arrangements der Songs ihren Bandmitgliedern viel Raum zu Improvisationen gibt, hält sie sich selbst mit Piano-Soli zurück. Sogar in Sonett 128, in dem das lyrische Ich eifersüchtig auf das Cembalo seiner Geliebten ist, wird die Liebkosung der Tasten nicht durch ihr Klavierspiel symbolisiert, sondern durch das Bogenspiel des Kontrabassisten Mini Schulz.

In Sonett 65 schließlich geht es um die Gefahr, von der Schönheit besessen zu sein und an ihrer Vergänglichkeit zu verzweifeln, wenn nicht – so träumt der Dichter – ein Wunder geschieht. Das Wunder, die Liebe in Tinte auf Papier bewahren zu können („unless this miracle have might, / That in black ink my love may still shine bright“.) Was Shakespeare in seinen Gedichten gelang, gelingt Caroll Vanwelden in geheimnisvoller Weise auf der nächsten Ebene.

Während Shakespeares Sonette die Schönheit seiner Angebeteten unsterblich machen, ist in Caroll Vanweldens Musik die Anmut der altertümlichen Sprache so aufgehoben, dass sie ebenfalls regelrecht zeitlos wirkt.

Auch das ist ein kleines Wunder.