
Jazz | Sounds | Impro | Neue Musik | Kunst
Freitag, 1. August 18:00 Uhr
Alter Skilift am Beiwald
St. Johann – Upfingen
Viele Text finden sich auch auf der Webseite daspolitischelied.de von Martin Kaluza.
Bread and Roses
James Oppenheim / Caroline Kohlsaat
„Die Arbeiterin braucht Brot, aber sie braucht auch Rosen!“ 1911 bringt die Frauenrechtlerin und Gewerkschaf- terin Rose Schneiderman in einer Streikrede auf den Punkt, woran es Textilarbeiterinnen in New York mangelte: Brot – das steht für gerechten Lohn, erträgliche Arbeitszeiten und Sicherheit am Arbeitsplatz. Und Rosen – damit ist ein menschenwürdiges Leben außerhalb der Betriebe gemeint. Solidarität in den Gewerkschaften müssen sich die meist frisch eingewanderten Arbeiterinnen, die zum Teil wenig Englisch sprechen und als Lohndrückerinnen abgestempelt werden, erst erkämpfen.
1912 steht Schneidermans Zitat auf den Plakaten des Streiks von 20.000 Textilarbeiterinnen in Lawrence (Massachusetts), der als „Bread and Roses Strike“ in die Geschichte der Arbeiterbewegung eingeht. James Oppenheim schreibt um den Slogan herum ein Gedicht, 1917 komponiert Caroline Kohlsaat die Musik. Manchmal wird Martha Coleman als Komponistin genannt – möglicherweise ist das dieselbe Person. Nach dem 2. Weltkrieg vertonen erst Mimi Fariña (Joan Baez’ Schwester) und später Folksänger John Denver den Song erneut. Das Lied steht für zwei politische Bewegungen: Es wird in der Frauen und in der internatio- nalen Gewerkschaftsbewegung gesungen.
Bürgerlied
Text: Adalbert Harnisch (1845)
Musik: Geschrieben zur Melodie von Prinz Eugen, der edle Ritter
Die Zeiten sind bewegt. Nach der Niederlage Napoleons und der Gründung des Deutschen Bundes auf dem Wiener Kongress ordnen sich die Kräfte in Europa erst langsam neu. Gleichzeitig nimmt die Industrialisierung Fahrt auf, große Teile der Arbeiterschaft leben in Armut, soziale Konflikte sind die Folge. In Preußen und anderswo gründen sich in dieser Zeit des Vormärz Bürgervereine, in denen man über die Dinge spricht, die alle angehen: Man diskutiert über Armut und Bildung, über das Gesellenwesen und man fordert ganz allgemein Mitsprache. Der Postsekretär Adalbert Harnisch schließt sich dem Bürgerverein im westpreußischen Elbing an. Er verfasst Gedichte und Lieder, die er später unter dem Namen Hans Albus veröffentlicht. Auf die Melodie von Prinz Eugen, der edle Ritter schreibt er ein Lied für den Bürgerverein in Elbing, das den Geist der Erneuerung atmet. In drei Schritten beschreibt er, worauf es in der jetzigen Situation ankommt. Zunächst einmal: Äußerlichkeiten und Standesunterschiede sind egal. »Ob wir rote, gelbe Kragen, / Hüte oder Helme tragen, / Stiefeln oder Schuh’. / Oder, ob wir Röcke nähen / Und zu Schuh’n die Fäden drehen: / Das tut nichts dazu.«
Was zählt, ist, etwas Neues aufzubauen: »Aber, ob wir Neues bauen, / Oder’s Alte nur verdauen / Wie das Gras die Kuh. / Ob wir für die Welt was schaffen, / Oder nur die Welt begaffen: / Das tut was dazu.« Und schließlich, der dritte Schritt, ein Call to Action, wie man heute sagen würde, ein Aufruf, sich zu organisieren und tätig zu werden: »Drum ihr Bürger, drum ihr Brüder, / Alle eines Bundes Glieder, / Was auch jeder tu’. / Alle, die dies Lied gesungen / So die Alten wie die Jungen: / Tun wir denn dazu.« Harnisch trifft den Nerv der Zeit, das Lied verbreitet sich schnell. Es ist kaum veröffentlicht, da wird es schon in Pillau gesungen, von Anhängern des gerade verbotenen Königsberger Bürgervereins. Man singt es unter Oppositionellen in den Böttcherhöfen bei Königsberg, weshalb es eine Zeit lang auch als Königsberger Bürgerlied bekannt ist. Nach dem Scheitern der Revolution 1848/49 entdeckt die Arbeiterbewegung das Bürgerlied für sich. Die Botschaft ist so universell und motivierend, dass sie sich nahtlos auch in diesen Kampf einfügt. In der Zeit der Weltkriege in Vergessenheit geraten, entdeckt die westdeutsche Folk-Bewegung das Bürgerlied in den 1960er-Jahren wieder, Hannes Wader und die Band Zupfgeigenhansel nahmen es in ihr Repertoire auf. In der DDR spielen Gerd Kern und Jack Mitchell es mit einem neuen Text im Oktoberklub.
Canto nocturno en las trincheras
José Miguel Ripoll / Leopoldo Cardona
1937 reist Ernst Busch nach Spanien, um im Bürgerkrieg für die Internationalen Brigaden zu singen, die auf der Seite der Republik gegen den von Franco angeführten Staatsstreich kämpfen. Er lernt das Lied „Canto nocturno en las trincheras“ von José Miguel Ripoll und Leopoldo Cardona kennen – übersetzt heißt das „Nächtlicher Gesang in den Schützengräben“. In den Schützengräben ist es nachts keineswegs ruhig. Wenn die Waffen schweigen, rufen Kämpfer beider Seiten ihren Gegnern lautstark Parolen zu.
Beide Seiten haben ihre Lieder. Während die Faschisten gern über den Morgen, die Sonne und die Katholischen Könige singen, bevorzugen die Republikaner Volkslieder, die von Schlachten berichten. Im „nächtlichen Gesang“ geht es kämpferisch zu: „Brota sangre del obrero / para un futuro mejor“, „Es sprudelt das Blut des Arbeiters / für eine bessere Zukunft“. Ein Lied, dafür gemacht, die ermüdende Kampfmoral zu erneuern.
Ernst Busch gibt in Spanien ein Liederbuch für die Internationalen Brigaden heraus. „Canto nocturno en la trincheras“ übersetzt er ins Deutsche. Sein Titel: „Hinein ins Gebrüll“.
Die Gedanken sind frei (ist noch in Arbeit)
Die Moorsoldaten
Johann Esser, Wolfgang Langhoff / Rudi Goguel
Am 27. August 1933 führen Gefangene im Konzentrationslager Börgermoor im Emsland eine regelrechte Revue auf. Die Häftlinge müssen Moore trockenlegen und Torf stechen, viele überleben die Strapazen nicht. Einer der Insassen, Schauspieler Wolfgang Langhoff, überzeugt die Offiziere, ein wenig Abwechslung zu erlauben. Langhoff ist Kommunist und Antifaschist, und hier führt er nun als Direktor durch die Show des „Zirkus Konzentrazani“: Clowns, ein Ballett der dicksten Häftlinge, und zum Abschluss erklingt erstmals ein Lied, das Johann Esser, Wolfgang Langhoff und Rudi Goguel frisch geschrieben haben: „Wir sind die Moorsoldaten und ziehen mit dem Spaten ins Moor“. Von dort zieht es um die Welt: Häftlinge, die verlegt wurden, singen es in anderen Lagern. Ein Entlassener singt es in London Hanns Eisler vor, der eine Klavierfassung schreibt und sie mit in die USA nimmt. Ernst Busch und Paul Robeson singen es in Spanien, um den Kampf gegen Diktator Franco zu unterstützen, Robeson nimmt 1942 eine englische Fassung auf. Aus den „Moorsoldaten“ werden „The Peat-Bog Soldiers“, „Los Soldados del Pantano“ und „Le Chant des Marais“. Langhoff, der das Lied initiiert hatte, wird 1946 Intendant des Deutschen Theaters in Ost-Berlin.
Foggy Dew
Charles O’Neill / Traditional
Am Ostermontag 1916 besetzen irische Republikaner wichtige Gebäude in Dublin, um die Unabhängigkeit Irlands von Großbritannien zu erzwingen. Der Aufstand scheitert, die Anführer werden hingerichtet.
Als drei Jahre später erstmals das Irische Parlament (Dáil Éireann) in Dublin tagt, nimmt auch der junge Priester Charles O’Neill aus dem County Antrim an der Sitzung teil. Tief beeindruckt geht O’Neill nach Hause und schreibt ein Gedicht für die Männer, die im Kampf für die Freiheit ihr Leben verloren haben. Und er spricht die irischen Soldaten an, die zur Zeit des Osteraufstandes im Ersten Weltkrieg in fernen Ländern für das britische Empire kämpfen: Es sei besser, stattdessen unter irischem Himmel zu sterben. O’Neill veröffentlicht den Song zunächst unter Pseudonym. Die Melodie ist bekannt: Sie stammt von einer Liebesballade, dem irischen Volkslied „The Moorlough Shore“. 1922 erlangt die Republik Irland ihre Unabhängigkeit – allerdings um den Preis der Teilung: Nordirland bleibt Teil Großbritanniens.
Give Peace a Chance
John Lennon
1967, lange bevor der Ausdruck „Bedroom Production“ sich in der Musikwelt etabliert, nehmen John Lennon und Yoko Ono einen Song gewissermaßen im Bett auf. Während ihrer Flitterwochen laden der Sänger und die Konzeptkünstlerin zu „Sleep ins“, bei denen sie sich im Bett filmen und interviewen lassen. Als Lennon während einer solchen Veranstaltung im Queen Elizabeth Hotel in Montreal von einem Reporter nach dem Sinn dieser Aktionen gefragt wird, antwortet er: „Einfach dem Frieden eine Chance geben!“ Er wiederholt den Satz. Und dann noch einmal und immer öfter. Für das nächste Sleep in bestellt er ein Tonbandgerät und Mikrofone und lädt noch mehr Leute ein: den Dichter Allen Ginsberg etwa, den Psychiater und LSD-Aktivisten Timothy Leary, die Sängerin Petula Clark und den Gitarristen Tommy Smothers. Vor laufenden Kameras nimmt er einen Song auf, der so eingängig ist, dass jeder den Refrain sofort mitsingen kann: „All we are saying is give peace a chance!“
Hasta siempre, comandante
Carlos Puebla
Im April 1965 verlässt Ernesto „Ché“ Guevara Kuba, um im Kongo eine Revolution anzuzetteln. Am 3. Oktober verliest Fidel Castro, Revolutionär und kubanischer Staatschef, einen Abschiedsbrief seines ehemaligen Mitstreiters. Liedermacher Carlos Puebla hört die Rede Castros und kann die ganze Nacht nicht schlafen. In einem Rutsch komponiert er eine Hommage an den Guerrillero. Der Titel „Hasta siempre, comandante“ („Bis in die Ewigkeit, Kommandant!“) ist angelehnt an Guevaras Motto „Hasta la victoria, siempre!“ („Immer bis zum Sieg!“).
Guevaras Revolutionsversuche im Kongo und später in Bolivien scheitern, 1967 wird er von bolivianischen Militärs ermordet. Nach seinem Tod wird Guevara zur Pop-Ikone verklärt, das Lied zur vielfach nachgespielten international bekannten Hymne. Wolf Biermann schreibt einen deutschen Text und singt „Comandante Ché Guevara“ 1976 auf dem Konzert in Köln, unmittelbar vor seiner Ausbürgerung. In Kuba ist der Song bis heute Teil der Revolutionsfolklore.
Marseillaise
Claude Rouget de Lisle
Im bayerischen Wald, in der Oberpfalz, liegt die Kleinstadt Cham. Jeden Tag ertönt auf dem dortigen Marktplatz um Punkt 12:05 Uhr zu Ehren des dort als Sohn eines Bierbrauers geborenen Johann Nikolaus Graf Luckner das Glockenspiel. Gespielt wird wird immer das gleiche Lied: Die Marseillaise.
Der Komponist und Dichter Claude Rouget de Lisle schrieb das Lied am 26. April 1792 in Straßburg. Die Zeiten sind bewegt, denn dies ist die Nacht der Kriegserklärung, mit der Frankreich in den Ersten Koalitionskrieg eintritt.
„Auf, Kinder des Vaterlandes / Der Tag des Ruhmes ist gekommen! / Gegen uns ist der Tyrannei / Blutiges Banner erhoben
Hört ihr auf den Feldern / Diese wilden Soldaten brüllen? / Sie kommen bis in eure Arme / Um euren Söhnen, euren Gefährtinnen die Kehlen durchzuschneiden.“
Die wilden Soldaten, von denen die Rede ist, sind Preußen, Österreicher und Deutsche aus verschiedenen Kleinstaaten, die ins Feld geschickt wurden, um die Monarchie gegen das revolutionäre Frankreich zu verteidigen.
Als das Lied in Straßburg verfasst wird, ist der oberpfälzische Graf Luckner dort Oberbefehlshaber und Gouverneur. Man hat ihm die Rheinarmee anvertraut, mit der er die Österreicher aus Belgien zurückdrängen soll. Im Jahr zuvor war er zum „Marshall von Frankreich“ ernannt worden – der höchste militärische Ehrentitel, den die Republik zu vergeben hat. Zunächst heißt das Lied noch „Chant de guerre pour l’armée du Rhin“, „Kriegslied für die Rheinarmee“.
Luckner fällt allerdings schnell in Ungnade. Keine zwei Jahre nachdem ihm zu Ehren das Lied geschrieben wurde, stirbt er auf der Guillotine. Das Revolutionstribunal sieht ihn als Royalisten an – ein Irrtum, den der Nationalkonvent nach bereits einem Jahr korrigiert, in dem er Luckner rehabilitiert.
Der gleiche Nationalkonvent erklärt die Marseillaise am 14. Juli 1795, am sechsten Jahrestag des Sturms auf die Bastille, zur französischen Nationalhymne.
We Shall Overcome
Traditional
Anfang des 20. Jahrhunderts singen amerikanische Bergarbeiter während eines Streiks „We Will Overcome“. 1945 singen ihn Tabakarbeiterinnen in South Carolina, ebenfalls als Streiklied. Seit 1959 schließlich steht „We Shall Overcome“ vor allem für die amerikanische Bürgerrechtsbewegung, die, angeführt von Martin Luther King, friedlich für die Aufhebung der gesetzlich festgeschriebenen „Rassentrennung“ kämpft. Pete Seeger und Joan Baez machen den Song in der Popmusik bekannt. Aber wer hat das Lied geschrieben? Meist wird die Hymne „I‘ll Overcome Someday“ des Methodistenpredigers und Gospelkomponisten Charles Albert Tindley als Vorbild genannt. 2012 legte Musikproduzent Isaias Gamboa nahe, der Protestsong gehe auf die Hymne „If My Jesus Wills“ von Louise Shropshire zurück, die später mit Martin Luther King befreundet war. Sicher ist: Einer der bekanntesten Protestsongs überhaupt hat seinen Ursprung im Gospel – und er hat sich, bevor die ganze Welt ihn kennen lernte, mehrfach gewandelt.
Where Have All the Flowers Gone? / Sag mir wo die Blumen sind
Pete Seeger
Um 1950 herum stolpert der US-amerikanische Folksänger Pete Seeger in Michail Scholochows Roman „Der stille Don“ über eine ukrainisches Volkslied. Die Handlung des Romans spielt in der Zeit der Oktoberrevolution. In einer Passage reiten Donkosaken fort, um sich der Armee des Zaren anzuschließen. Sie singen: „Wo sind die Blumen? Mädchen haben sie gepflückt. Wo sind die Mädchen? Sie alle haben geheiratet. Wo sind die Männer? Sie sind alle in der Armee. Galopp, Galopp, Galopp!“
Seeger schreibt die Zeilen in sein Notizbuch. Fünf Jahre später trifft ihn beim Dösen im Flugzeug die Inspiration: Die Worte „long time passing“ würden sich doch gut singen lassen – im Deutschen werden sie als „Wo sind sie geblieben?“ übersetzt. Aus den alten Notizen und der neuen Eingebung macht er einfach einen neuen Song, ergänzt um die pädagogische Zeile: „When will they ever learn?“ Seeger veröffentlicht das Stück 1955 im Magazin „Sing out!“ „Ich dachte, ich hätte die Melodie selbst geschrieben,“ erinnert er sich einmal. „Bis mir ein Jahr später ein Freund schrieb und mich darauf aufmerksam machte, dass sie sehr der Melodie eines Holzfällersongs aus Adirondacks ähnelte, den ich einmal aufgenommen hatte.“ Ein irisches Lied: „Johnson says he’ll unload more hay / Says he’ll unload ten times a day“. 1960 schließlich schreibt Seegers Freund und Folksänger Joe Hickerson noch zwei weitere Strophen, und erst mit ihnen schließt sich der Kreis des Textes: „Sag, wo die Soldaten sind / über Gräbern weht der Wind“ und „Sag mir, wo die Gräber sind / Blumen wehen im Sommerwind“. „Where Have All the Flowers Gone“ erscheint mitten im kalten Krieg, auf dem ersten Höhepunkt des atomaren Wettrüstens. Radio und Fernsehen tragen wenig zu seiner Verbreitung bei. Noch bis weit in die 1970er Jahre wird Pete Seeger vom US-Rundfunk boykottiert. Die Ausnahme bleibt ein Fernsehauftritt 1967 in der Comedy-Show der Smothers-Brüder (einer von ihnen ist später auf der Originalaufnahme von „Give Peace a Chance“ zu hören). Seegers nutzt die Gelegenheit, einen Song gegen den Vietnam-Krieg vorzutragen – was ihm nur weitere Jahre der TV-Verbannung einbringt. Der Siegeszug des Blumen-Liedes ist trotzdem nicht zu stoppen. Joan Baez nimmt eine Version auf. Die von Peter, Paul & Mary wird ebenfalls zum Hit. „Das Kingston-Trio sang das [Lied] auch, und Marlene Dietrich übernahm es von denen“, sagte Seeger in einem Interview mit dem Neuen Deutschland. „Max Colpet machte eine deutschsprachige Version, die sich besser singen lässt als meine englische. Es klingt im Deutschen wirklich noch beeindruckender: ‚Sag mir wo die Blumen sind.’“
