
Viele Text finden sich auch auf der Webseite daspolitischelied.de von Martin Kaluza.
A Change is Gonna Come
Sam Cooke
„I was born by the river in a little tent / Oh, and just like the river I’ve been a-runnin’ ever since.“ 1963 ist Sam Cooke einer der erfolgreichsten Sänger seiner Generation. Seine Hits „Cupid“, „Only Sixteen“ oder „What a Wonderful World“, vorgetragen mit butterweicher Stimme, erreichen Millionen Fans, schwarze wie weiße. Doch noch immer haben schwarze Amerikaner nicht die gleichen Rechte wie weiße – nicht einmal ein Star wie Sam Cooke darf in allen Hotels übernachten und in allen Restaurants essen. Während einer Tournee hört er Bob Dylans Song „Blowin’ in the Wind“ zum ersten Mal. Ein Schlüsselerlebnis: Cooke nimmt den Song, in dem der weiße, junge Folksänger gegen Diskriminierung singt, in sein Repertoire auf und spielt ihn regelmäßig. Und er traut sich nun selbst, einen politischen Song zu schreiben: darüber, wie schwierig, wie schmerzhaft und wie gefährlich es ist, als Schwarzer in den USA zu leben. Im Refrain singt Cooke von Hoffnung – und der traurige, kurz vor der Resignation stehende Ton lässt die Zuhörer ahnen, wie sehr sich Cook zu seinem Optimismus aufraffen muss: „Es geht schon lange so, aber die Zeiten werden sich ändern.“ Die Melodie für „A Change is Gonna Come“ sei ihm im Traum zugefallen, sagt Cooke einmal, Ende 1963 – nur ein paar Monate nach Martin Luther Kings „I Have a Dream“-Rede. Cooke nimmt seinen eigenen Song nicht ins Repertoir auf, er scheint ihm zu finster für fröhliche Club-Auftritte. Nur einmal spielt er ihn vor Publikum, nämlich am 7. Februar 1964 in der Johnny Carson Show.
Zwei Tage später treten die Beatles erstmals in der Ed Sullivan-Show auf – die Sensation überstrahlt Cookes Auftritt. Als Single erscheint der Song im Dezember, wenige Tage nach Sam Cookes Tod, er wurde in einem Motel von der Geschäftsführerin erschossen. Er erlebt nicht mehr, welche Bedeutung sein Song für die Bürgerrechtsbewegung erlangt.
Otis Redding nimmt eine Fassung auf, ebenso Aretha Franklin. Als 2008 Barack Obama als erster schwarzer Präsident der USA vereidigt wird, trägt die Soulsängerin Bettye LaVette „A Change is Gonna Come“ im Duett mit Jon Bon Jovi vor.
Ah! Ça ira
Ladré / Bécourt
Am 14. Juli 1790, dem ersten Jahrestag des Sturms auf die Bastille, feiert Frankreich auf dem Marsfeld in Paris die Revolution. Immer wieder erklingt das Kampflied „Ah! Ça ira“. Der schwungvolle Marsch rechnet mit der Aristokratie ab – je nach Fassung mal mehr, mal weniger explizit blutrünstig. Das Lied, geschrieben von einem Straßensänger namens Ladré, erklingt schon seit Monaten in Gassen und Wirtshäusern, Aristokraten wird es auf der Straße nachgesungen. Die Refrainzeile „Ça ira!“ haben sich die Revolutionäre bei Benjamin Franklin abgeschaut, der mit diesen Worten (er sagte sie auf Französisch) die amerikanische Unabhängigkeit meinte: „Das wird klappen!“ Der Song ist das „Yes, we can!“ oder das „Wir schaffen das!“ seiner Zeit. 1954 singt Edith Piaf den Song mit solcher Dringlichkeit, dass ihr sogar der flotte Rhythmus der Titelzeile noch zu langsam ist.
Blowin’ in the Wind
Bob Dylan
Robert Zimmermann, ein Junge aus dem kargen Norden der USA, geht mit 21 Jahren nach New York und mischt in den Bars und Musikkneipen die Folk-Szene auf. Unter seinem Künstlernamen Bob Dylan spielt er die Songs seines Vorbilds Woody Guthie, schreibt auch erste eigene: Politische, engagierte Lieder, die häufig um das Schicksal einer bestimmten Person herum gestrickt sind – ganz in der Folk- Tradition, etwa “The Ballad of Donald White” oder “The Death of Emmett Till”.
An einem der Abende in einer Folk-Kneipe schreibt er praktisch in einem Rutsch einen neuen Text zur Melodie eines traditionellen Gospels („No More Auction Block“), aber diesmal geht es nicht um eine einzelne Person oder Begebenheit, sondern er zoomt zurück und betrachtet das große Ganze. Und er stellt große Fragen:
Wie oft müssen die Kanonenkugeln noch fliegen, bevor sie für immer abgeschafft sind? Wie lange halten Menschen es aus zu existieren, ohne frei zu sein? Wie oft kann ein Mensch einfach wegsehen? „Die Antwort, mein Freund, weiß ganz allein der Wind.“ Die Friedensbewegung singt den Song genauso wie die Bürgerrechtsbewegung. „Blowin’ in the Wind“ wird zu einem der bekanntesten Protestsongs aller Zeiten.
Bürgerlied
Text: Adalbert Harnisch (1845)
Musik: Geschrieben zur Melodie von Prinz Eugen, der edle Ritter
Die Zeiten sind bewegt. Nach der Niederlage Napoleons und der Gründung des Deutschen Bundes auf dem Wiener Kongress ordnen sich die Kräfte in Europa erst langsam neu. Gleichzeitig nimmt die Industrialisierung Fahrt auf, große Teile der Arbeiterschaft leben in Armut, soziale Konflikte sind die Folge. In Preußen und anderswo gründen sich in dieser Zeit des Vormärz Bürgervereine, in denen man über die Dinge spricht, die alle angehen: Man diskutiert über Armut und Bildung, über das Gesellenwesen und man fordert ganz allgemein Mitsprache. Der Postsekretär Adalbert Harnisch schließt sich dem Bürgerverein im westpreußischen Elbing an. Er verfasst Gedichte und Lieder, die er später unter dem Namen Hans Albus veröffentlicht. Auf die Melodie von Prinz Eugen, der edle Ritter schreibt er ein Lied für den Bürgerverein in Elbing, das den Geist der Erneuerung atmet. In drei Schritten beschreibt er, worauf es in der jetzigen Situation ankommt. Zunächst einmal: Äußerlichkeiten und Standesunterschiede sind egal. »Ob wir rote, gelbe Kragen, / Hüte oder Helme tragen, / Stiefeln oder Schuh’. / Oder, ob wir Röcke nähen / Und zu Schuh’n die Fäden drehen: / Das tut nichts dazu.«
Was zählt, ist, etwas Neues aufzubauen: »Aber, ob wir Neues bauen, / Oder’s Alte nur verdauen / Wie das Gras die Kuh. / Ob wir für die Welt was schaffen, / Oder nur die Welt begaffen: / Das tut was dazu.« Und schließlich, der dritte Schritt, ein Call to Action, wie man heute sagen würde, ein Aufruf, sich zu organisieren und tätig zu werden: »Drum ihr Bürger, drum ihr Brüder, / Alle eines Bundes Glieder, / Was auch jeder tu’. / Alle, die dies Lied gesungen / So die Alten wie die Jungen: / Tun wir denn dazu.« Harnisch trifft den Nerv der Zeit, das Lied verbreitet sich schnell. Es ist kaum veröffentlicht, da wird es schon in Pillau gesungen, von Anhängern des gerade verbotenen Königsberger Bürgervereins. Man singt es unter Oppositionellen in den Böttcherhöfen bei Königsberg, weshalb es eine Zeit lang auch als Königsberger Bürgerlied bekannt ist. Nach dem Scheitern der Revolution 1848/49 entdeckt die Arbeiterbewegung das Bürgerlied für sich. Die Botschaft ist so universell und motivierend, dass sie sich nahtlos auch in diesen Kampf einfügt. In der Zeit der Weltkriege in Vergessenheit geraten, entdeckt die westdeutsche Folk-Bewegung das Bürgerlied in den 1960er-Jahren wieder, Hannes Wader und die Band Zupfgeigenhansel nahmen es in ihr Repertoire auf. In der DDR spielen Gerd Kern und Jack Mitchell es mit einem neuen Text im Oktoberklub.
Die Gedanken sind frei
Text: Hofmann von Fallersleben, Musik: Trad.
Sophie Scholl spielte es 1942 ihrem wegen hitlerkritischer Äußerungen verhaftetem Vater an der Gefängnismauer stehend vor. Die Dresdner Staatskapelle führte es mitten während der friedlichen Revolution 1989 auf dem Theaterplatz auf. Der Songwriter Leonard Cohen sang es auf seiner ersten Deutschland-Tournee. Aber es wurde auch von der Man-darf-das-ja-nicht-mehr-sagen-Fraktion gekapert: Ab 2020 war es immer wieder auch auf Demos von Gegnern der Corona-Schutzmaßnahmen und aus dem Kreis von Corona-Leugnern zu hören. Auch eine Reihe von Rechtsrock-Bands nahmen den Song auf.
Die Rede ist von einem Song, den jeder kennt: Die Gedanken sind frei. Eine alte philosophische Idee, prägnant auf den Punkt gebracht.
Die heute bekannte Fassung des Liedes – es gab Vorläufer – geht auf eine Bearbeitung des Germanisten und Dichters August Heinrich Hofmann von Fallersleben aus dem Jahr 1842 zurück. Er hatte ein Händchen für eingängige Lieder. Aus seiner Feder stammen auch die Texte zu Alle Vögel sind schon da, Der Kuckuck und der Esel, Ein Männlein steht im Walde, Morgen kommt der Weihnachtsmann und – natürlich – das Lied der Deutschen.
In seiner fröhlichen Eingängigkeit strahlt das Lied einen unbekümmerten Freiheitsdrang aus. In den Gedanken geht alles – wer sie nicht ausspricht, ist vor Sanktionen sicher. „Kein Mensch kann sie wissen, kein Jäger erschießen.“ Und selbst wenn es großen Ärger geben würde, täte man sie aussprechen: „Man kann ja im Herzen stets lachen und scherzen und denken dabei: die Gedanken sind frei.“
Ein lidlIn von den richstetten (Lied der Raubritter)
Text: unbekannt
Musik: Oswald von Wolkenstein (um 1440)
Das Unglück wartet an einem Frühlingsmorgen. Ein Zug Ulmer Händler hat sich gerade im Vilstal auf den Weg gemacht. Die Händler sind auf der Rückreise von der Frankfurter Messe, der Hauptmann Georg Rennwart begleitet sie. Reisen sind im Mittelalter keine ungefährliche Sache, vor allem wenn man so wertvolle Ladung dabei hat. Rund 250 Kilometer müssen die Händler zurücklegen, das sind zehn Tage, wenn man mit Lasttieren und Packwagen unterwegs ist. Sie haben schon den größten Teil der Strecke hinter sich, als sie bei Süßen in einen Hinterhalt geraten. Die Räuber nehmen fünfzehn Gefangene, erbeuten vierzig Pferde und Waren im Wert von fünftausend Gulden. Von dem Überfall berichtet das Lidlin von den richstetten. In der ersten Strophe wird der noch kühle Frühlingsmorgen beschrieben, samt Vogelgesang. Geradezu spöttisch entwickelt sich die Geschichte, wie die zunächst ungläubigen Ulmer der Situation gewahr werden. Anführer des Überfalls sind die Ritter Heinrich Schilling und Sigfried von Zülnhard, damals bekannt als Städtefeinde und Wegelagerer. »Wer fliehen kund / zur selben Stund / von seinem Bund / der blieb gesund.« Historiker haben die Angaben mit der Stadtchronik von Ulm verglichen und können nun ziemlich genau bestimmen: Der Überfall fand im Jahr 1440 oder 1441 statt. Im Lied werden die Kaufleute als Bauern bezeichnet. Auch wenn sie aus Ulm kommen und gar keine Äcker bestellen — aus Sicht der Ritter sind Städter »eingemauerte Bauern«. Die Räuber im Lidlin stammen aus dem niederen Adel. Seit die Landesfürsten zunehmend professionelle Armeen aufstellen, geht es mit dem Adel abwärts, Ritter werden schlicht nicht mehr gebraucht. Nun versuchen sie, sich irgendwie über Wasser zu halten — oft zulasten der Bauern. Die Städte haben noch nicht die Macht, die Sicherheit der Wege zu gewährleisten und planen bereits, sich in Bünden zusammenzuschließen. Das Lidlin ist (anders als Geyers schwarzer Haufen) tatsächlich in der damaligen Zeit entstanden, unmittelbar nach dem Überfall. Es zählt zu den seltenen Beschreibungen aus der Zeit, die einen Blick in die Innenwelt des Raubrittertums erlauben. Den Begriff der Raubritter übrigens verwendet damals noch niemand. Er wird erst 300 Jahre später gebräuchlich, gegen Ende des 18. Jahrhunderts. Die letzte Strophe lässt ahnen, dass das Lidlin ein Trinklied war. Mit dem Geld der Ulmer lässt man es so richtig krachen: Das Liedlein ist nun angestimmt, in Neuhaus wird mit dem Ulmer Geld gespielt, da lebt man süß, das Leben ist kein Graus und groß ist der Krug! Die Überlieferung des Lidlins verdanken wir Rochus von Liliencron. Der 1820 in Plön geborene Musikhistoriker hat für Volkslieder Ähnliches geleistet wie die Brüder Grimm für Märchen. Unzählige Handschriften hat er aufgetan und ausgewertet und damit die deutsche Volksliederforschung begründet. Liliencron hat auch eine Antwort der Ulmer auf den Überfall gefunden. Ein suberlich litlin von den rütern ist eine gesungene Klage in 25 Strophen.
Einige davon sind vermutlich — wie es bei Volksliedern oft vorkommt — später hinzugedichtet worden. Warum sollte man auch eine beliebte Geschichte nicht etwas ausschmücken und den Genuss der Darbietung verlängern? Die Paarung aus Lied und Gegenlied jedenfalls ist selten, zumal unter den ohnehin nur spärlichen Überlieferungen aus der Raubritterzeit. Die ursprüngliche Melodie des Lidlins ist nicht erhalten. Die Melodie, die auf dieser Aufnahme zu hören ist, stammt aus einem Lied des damals populären Sängers, Dichters und Diplomaten Oswald von Wolkenstein, der selbst Ritter war und 1445 starb.
Give Peace a Chance
John Lennon
1967, lange bevor der Ausdruck „Bedroom Production“ sich in der Musikwelt etabliert, nehmen John Lennon und Yoko Ono einen Song gewissermaßen im Bett auf. Während ihrer Flitterwochen laden der Sänger und die Konzeptkünstlerin zu „Sleep ins“, bei denen sie sich im Bett filmen und interviewen lassen. Als Lennon während einer solchen Veranstaltung im Queen Elizabeth Hotel in Montreal von einem Reporter nach dem Sinn dieser Aktionen gefragt wird, antwortet er: „Einfach dem Frieden eine Chance geben!“ Er wiederholt den Satz. Und dann noch einmal und immer öfter. Für das nächste Sleep in bestellt er ein Tonbandgerät und Mikrofone und lädt noch mehr Leute ein: den Dichter Allen Ginsberg etwa, den Psychiater und LSD-Aktivisten Timothy Leary, die Sängerin Petula Clark und den Gitarristen Tommy Smothers. Vor laufenden Kameras nimmt er einen Song auf, der so eingängig ist, dass jeder den Refrain sofort mitsingen kann: „All we are saying is give peace a chance!“
Hasta siempre, comandante
Carlos Puebla
Im April 1965 verlässt Ernesto „Ché“ Guevara Kuba, um im Kongo eine Revolution anzuzetteln. Am 3. Oktober verliest Fidel Castro, Revolutionär und kubanischer Staatschef, einen Abschiedsbrief seines ehemaligen Mitstreiters. Liedermacher Carlos Puebla hört die Rede Castros und kann die ganze Nacht nicht schlafen. In einem Rutsch komponiert er eine Hommage an den Guerrillero. Der Titel „Hasta siempre, comandante“ („Bis in die Ewigkeit, Kommandant!“) ist angelehnt an Guevaras Motto „Hasta la victoria, siempre!“ („Immer bis zum Sieg!“).
Guevaras Revolutionsversuche im Kongo und später in Bolivien scheitern, 1967 wird er von bolivianischen Militärs ermordet. Nach seinem Tod wird Guevara zur Pop-Ikone verklärt, das Lied zur vielfach nachgespielten international bekannten Hymne. Wolf Biermann schreibt einen deutschen Text und singt „Comandante Ché Guevara“ 1976 auf dem Konzert in Köln, unmittelbar vor seiner Ausbürgerung. In Kuba ist der Song bis heute Teil der Revolutionsfolklore.
Internationale
Eugène Pottier / Pierre Degeyter
Mitte Juni 1888 setzt sich Pierre Degeyter mit seinem Akkordeon hin, um einen Text zu vertonen. Ein Arbeiterlied soll es werden, und der Autor Eugène Pottier hatte ganz offensichtlich die Marseillaise im Kopf gehabt, als er den Text schrieb, denn die Versmaße gleichen sich auffällig. Bestellt ist ein Stück mit „lebendigem und mitreißendem Rhythmus“. Von einem Gewerkschafterchor wird es bei einer Versammlung der Zeitungsverkäufer in Lille am 23. Juli uraufgeführt. Die Erstauflage der Partitur erscheint in 6.000 heimlich gedruckten Exemplaren. Titel: „L’Internationale“. 1910 erklärt der Internationale Kongress von Kopenhagen es zum Lied aller Arbeiter, und 1919 erklärt Lenin die „Internationale“ zur Nationalhymne der Sowjetunion. 1928, vierzig Jahre nach seiner Entstehung, dirigiert Pierre Degeyter persönlich den Chor auf dem VI. Kongress der Kommunistischen Internationale in Moskau, mit Tränen in den Augen.
Die Moorsoldaten
Johann Esser, Wolfgang Langhoff / Rudi Goguel
Am 27. August 1933 führen Gefangene im Konzentrationslager Börgermoor im Emsland eine regelrechte Revue auf. Die Häftlinge müssen Moore trockenlegen und Torf stechen, viele überleben die Strapazen nicht. Einer der Insassen, Schauspieler Wolfgang Langhoff, überzeugt die Offiziere, ein wenig Abwechslung zu erlauben. Langhoff ist Kommunist und Antifaschist, und hier führt er nun als Direktor durch die Show des „Zirkus Konzentrazani“: Clowns, ein Ballett der dicksten Häftlinge, und zum Abschluss erklingt erstmals ein Lied, das Johann Esser, Wolfgang Langhoff und Rudi Goguel frisch geschrieben haben: „Wir sind die Moorsoldaten und ziehen mit dem Spaten ins Moor“. Von dort zieht es um die Welt: Häftlinge, die verlegt wurden, singen es in anderen Lagern. Ein Entlassener singt es in London Hanns Eisler vor, der eine Klavierfassung schreibt und sie mit in die USA nimmt. Ernst Busch und Paul Robeson singen es in Spanien, um den Kampf gegen Diktator Franco zu unterstützen, Robeson nimmt 1942 eine englische Fassung auf. Aus den „Moorsoldaten“ werden „The Peat-Bog Soldiers“, „Los Soldados del Pantano“ und „Le Chant des Marais“. Langhoff, der das Lied initiiert hatte, wird 1946 Intendant des Deutschen Theaters in Ost-Berlin.
Strange Fruit
Abel Meeropol
Es muss der traurigste aller Jazzsongs überhaupt sein. Abel Meeropol, damals auch bekannt unter seinem Pseudonym Lewis Allen, hatte eine Hymne gegen Lynchjustiz in den Südstaaten geschrieben und bot ihn der Sängerin Billie Holiday an. Sie hätte ihn gern bei Columbia Records aufgenommen, doch dort wurde der Song abgelehnt. 1939 nimmt sie ihn schließlich beim Label Commodore auf, zusammen mit drei weiteren Songs, und der Produzent sagt später über die Aufnahmen, er glaube, das sei die erste wirklich moderne Blues-Session gewesen. Die Band, mit der sie den Song ein- spielt, begleitet sie in dieser Zeit auch bei Auftritten im New Yorker Jazzclub „Café Society“. Von dessen Bühne aus erobert der düstere Song die Welt. „Strange Fruit“ beschwört eine ländliche Südstaatenidylle, in der aber die grausamsten Verbrechen stattfinden. Zwischen 1889 und 1940 wurden in den USA 3833 Menschen gelyncht. 90 Prozent dieser Morde fanden in den Südstaaten statt, vier Fünftel der Opfer waren Afroamerikaner. Die seltsame Frucht, die dem Songs den Titel gibt, ist der Körper eines Schwarzen, der leblos an einem Baum hängt.
Hier gibt es noch einen wesentlich ausführlicheren Text auf Martin Kaluza Seite.
Trotz alledem
Text: Robert Burns (1795), Ferdinand Freiligrath (1843 Und 1848) Hannes Wader (1977 Und 2006)
Musik: James Mcpherson (1795)
Juli 1977, auf der Freilichtbühne beim Volksfest der DKP-Tageszeitung Unsere Zeit tritt ein hagerer Liedermacher auf. Hannes Wader, Sohn eines Landarbeiters und einer Putzfrau, zupft die Gitarre wie ein amerikanischer Folksänger und singt dazu ein sozialistisches Kampflied nach dem anderen. Er ist gerade erst der DKP beigetreten, der Deutschen Kommunistischen Partei. Beim Song Trotz alledem singt das Publikum besonders begeistert mit. Der Titel ist ein Dokument der Enttäuschung: Weder die Proteste der 1968er noch die sozialdemokratische Regierung haben — so die Wahrnehmung damals — linken Idealen zur Umsetzung verholfen. Wader prangert auch Berufsverbote an, denn besonders Linke und Kommunisten werden in den 1970er-Jahren nach dem Radikalenerlass geprüft, bevor man sie Lehrer oder Professoren werden lässt. Das Establishment gibt sich so schnell nicht geschlagen. Wader trifft mit dem Song einen Nerv, vor allem beim Seitenhieb gegen die SPD jubelt das Publikum. Der Mitschnitt des Konzerts erscheint unter dem Titel Hannes Wader singt Arbeiterlieder. Viele seiner alten Fans kehren ihm zwar den Rücken, weil er der DKP beigetreten ist. Doch das Album wird zum Klassiker — die ZEIT nannte es einmal »Urmeter des sozialistischen Liedguts«. Einen Titel namens Trotz alledem hatte Wader zwei Jahre zuvor schon einmal auf Platte gepresst. Allerdings noch mit einem ganz anderen Text, der von Ferdinand Freiligrath stammte. Und auch das war nicht die erste Fassung des Liedes. Kaum ein Arbeitersong wurde so oft umgedichtet wie Trotz alledem. Nicht einmal die Melodie blieb immer die gleiche. Seine Geschichte begann 1795 in Schottland: A Man’s a Man for A’ That war der erste politische Song, den der Nationaldichter Robert Burns an seinen Verleger schickte. Bis dato hatte er vor allem Liebeslieder geschrieben. Nun forderte er die Unabhängigkeit Schottlands und machte sich für die Abschaffung der Sklaverei stark. Der schottische Komponist James McPherson schrieb die Melodie dazu. Freiligrath übersetzte das Lied 1843 ins Deutsche, voller Hoffnung auf ein demokratisches Deutschland, errichtet nach den Werten der französischen Revolution: »Ob Armut euer Los auch sei, / Hebt hoch die Stirn, trotz alledem! / Geht kühn den feigen Knecht vorbei, / Wagt’s, arm zu sein trotz alledem!« Gesungen wurde Trotz alledem nach einer neuen, von Heinrich Jäde komponierten Melodie, später sogar zum Trinklied Als Noah aus dem Kasten war. Im Sommer 1848 war das Feuer des Aufbruchs erstickt, die Revolution gescheitert. Freiligrath goss seine Enttäuschung noch im Juni in einen neuen Text: »Das war ’ne heiße Märzenzeit, / Trotz Regen, Schnee und alledem! / Nun aber, da es Blüten schneit, / nun ist es kalt, trotz alledem! / Trotz alledem und alledem, / trotz Wien, Berlin und alledem, / ein schnöder scharfer Winterwind / durchfröstelt uns trotz alledem!« Hannes Wader katapultiert den Song vor allem durch die Aufnahme von 1977 in jedes politische Lagerfeuerrepertoire. Auch andere Autoren dichten das Lied um: gegen Atomkraft; gegen die Unterdrückung in der DDR; gegen die Abkehr der FDP von der sozialliberalen Koalition; gegen Technisierung und Überwachung. Ein rechtsradikaler Liedermacher versucht, den Song an sich zu ziehen, so wie die extreme Rechte immer wieder versucht, sich Codes und Rhetorik linker Popkultur anzueignen. Und Hannes Wader? Auch ihn lässt der Song nicht los. 2006 textet er ihn erneut um. Sprachlich ist das neueste Trotz alledem nicht mehr so klar und elegant wie Freiligraths Märzenzeit-Lied und Waders 1977er-Fassung. Vielleicht, weil es für ein Kampflied ungewöhnlich dialektisch ist: Wader kritisiert den Kapitalismus, lehnt aber den Sozialismus in der Form ab, wie er real existiert hatte. Aus der DKP war Wader schon 1991 wieder ausgetreten.
We Shall Overcome
Traditional
Anfang des 20. Jahrhunderts singen amerikanische Bergarbeiter während eines Streiks „We Will Overcome“. 1945 singen ihn Tabakarbeiterinnen in South Carolina, ebenfalls als Streiklied. Seit 1959 schließlich steht „We Shall Overcome“ vor allem für die amerikanische Bürgerrechtsbewegung, die, angeführt von Martin Luther King, friedlich für die Aufhebung der gesetzlich festgeschriebenen „Rassentrennung“ kämpft. Pete Seeger und Joan Baez machen den Song in der Popmusik bekannt. Aber wer hat das Lied geschrieben? Meist wird die Hymne „I‘ll Overcome Someday“ des Methodistenpredigers und Gospelkomponisten Charles Albert Tindley als Vorbild genannt. 2012 legte Musikproduzent Isaias Gamboa nahe, der Protestsong gehe auf die Hymne „If My Jesus Wills“ von Louise Shropshire zurück, die später mit Martin Luther King befreundet war. Sicher ist: Einer der bekanntesten Protestsongs überhaupt hat seinen Ursprung im Gospel – und er hat sich, bevor die ganze Welt ihn kennen lernte, mehrfach gewandelt.
Where Have All the Flowers Gone? / Sag mir wo die Blumen sind
Pete Seeger
Um 1950 herum stolpert der US-amerikanische Folksänger Pete Seeger in Michail Scholochows Roman „Der stille Don“ über eine ukrainisches Volkslied. Die Handlung des Romans spielt in der Zeit der Oktoberrevolution. In einer Passage reiten Donkosaken fort, um sich der Armee des Zaren anzuschließen. Sie singen: „Wo sind die Blumen? Mädchen haben sie gepflückt. Wo sind die Mädchen? Sie alle haben geheiratet. Wo sind die Männer? Sie sind alle in der Armee. Galopp, Galopp, Galopp!“
Seeger schreibt die Zeilen in sein Notizbuch. Fünf Jahre später trifft ihn beim Dösen im Flugzeug die Inspiration: Die Worte „long time passing“ würden sich doch gut singen lassen – im Deutschen werden sie als „Wo sind sie geblieben?“ übersetzt. Aus den alten Notizen und der neuen Eingebung macht er einfach einen neuen Song, ergänzt um die pädagogische Zeile: „When will they ever learn?“ Seeger veröffentlicht das Stück 1955 im Magazin „Sing out!“ „Ich dachte, ich hätte die Melodie selbst geschrieben,“ erinnert er sich einmal. „Bis mir ein Jahr später ein Freund schrieb und mich darauf aufmerksam machte, dass sie sehr der Melodie eines Holzfällersongs aus Adirondacks ähnelte, den ich einmal aufgenommen hatte.“ Ein irisches Lied: „Johnson says he’ll unload more hay / Says he’ll unload ten times a day“. 1960 schließlich schreibt Seegers Freund und Folksänger Joe Hickerson noch zwei weitere Strophen, und erst mit ihnen schließt sich der Kreis des Textes: „Sag, wo die Soldaten sind / über Gräbern weht der Wind“ und „Sag mir, wo die Gräber sind / Blumen wehen im Sommerwind“. „Where Have All the Flowers Gone“ erscheint mitten im kalten Krieg, auf dem ersten Höhepunkt des atomaren Wettrüstens. Radio und Fernsehen tragen wenig zu seiner Verbreitung bei. Noch bis weit in die 1970er Jahre wird Pete Seeger vom US-Rundfunk boykottiert. Die Ausnahme bleibt ein Fernsehauftritt 1967 in der Comedy-Show der Smothers-Brüder (einer von ihnen ist später auf der Originalaufnahme von „Give Peace a Chance“ zu hören). Seegers nutzt die Gelegenheit, einen Song gegen den Vietnam-Krieg vorzutragen – was ihm nur weitere Jahre der TV-Verbannung einbringt. Der Siegeszug des Blumen-Liedes ist trotzdem nicht zu stoppen. Joan Baez nimmt eine Version auf. Die von Peter, Paul & Mary wird ebenfalls zum Hit. „Das Kingston-Trio sang das [Lied] auch, und Marlene Dietrich übernahm es von denen“, sagte Seeger in einem Interview mit dem Neuen Deutschland. „Max Colpet machte eine deutschsprachige Version, die sich besser singen lässt als meine englische. Es klingt im Deutschen wirklich noch beeindruckender: ‚Sag mir wo die Blumen sind.’“
