Helen Schneider

Der ganz gewisse Kick: Helen Schneider in Wetzlar
Der Ball ist rund, und das Konzert dauert 90 Minuten: Wie diese Rechnung aufgehen kann, das erlebten rund 600 Musikfreunde an jenem denkwürdigen WM-Halbfinaltag bei den Wetzlarer Festspielen.

Als Sally Bowles mischte sie den Kit-Kat-Club in »Cabaret« auf, mit dem »Rock’n’Roll Gypsy« landete sie einen Top-Ten-Hit, ihre erste One-Woman-Show war ein »Walk on the Weill Side« und als Mrs. Robinson legt sie inzwischen auf Hamburger Bühnenbrettern die Reifeprüfung ab: Das sind nur einige von unzähligen Mosaiksteinchen einer phänomenalen Karriere, auf die Helen Schneider, seit Anfang der Achtzigerjahre in Deutschland gefeierte Sängerin und Schauspielerin mit US-amerikanischen Wurzeln, heute zurückblickt.

Mit der Verpflichtung des Musicalstars aus New York haben die Wetzlarer Festspiele in dieser Saison zweifellos einen Coup gelandet. Die vielfach ausgezeichnete Vollblutmusikerin (u. a. Großer Hersfeld-Preis für »Evita«) mit dem herausragenden Sopran und dem Faible für Schauspielkunst verwöhnte das Publikum mit einem intensiven Programm – dem »Juke Box Blues«. Das bestand vor allem aus einer Hommage an Amerikas Country-Legende June Carter, der sie mit Evergreens wie »Help me make it through the night« oder »Ring of fire« auf ihre ganz eigene Art und Weise ein Denkmal setzte.

Klassiker aus dem Great American Songbook verwob die Lady mit Popmusik-Perlen, darunter Bob Dylans »Born in time« oder »Bird on a wire« von Leonard Cohen. Das Rückgrat der mit Bedacht choreografierten Show bildeten Jo Ambros mit sensibler Gitarrenarbeit, Mini Schulz am erstaunlich wandlungsfähigen Kontrabass sowie der überaus aufmerksame Obi Jennes an Schlagzeug, Glockenspiel und Percussion. Dazwischen immer wieder charmantes, herzliches Geplauder mit »denglischen« Stolpersteinen – »anyway«, das ist Helen Schneider, wie man sie sehen und hören will.

Gerne ausführlicher. »König Fußball« geschuldet war der Umstand, den »Juke Box Blues« am Stück zu zelebrieren. »Beginn 20.30 Uhr. Keine Pause. Ende 22 Uhr« prangte es von einer Tafel im Stadthallenfoyer. Genau dieses Wissen um den exakten Konzertverlauf zerstörte den Zauber, der einen solchen Abend eigentlich ausmacht. Es war fast körperlich zu spüren, dass da viele innerlich auf gepackten Koffern saßen. Umso bemerkenswerter, dass Helen Schneider mit Joni Mitchells »Both sides now« eine fabelhafte Zugabe spendierte. Punktgenau verklang der letzte Ton – zum Anpfiff.

Gabriele Krämer

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